Argumente Autismus keine Krankheit
Welche Argumentation wird verwendet, um zu begründen, dass Autismus keine Krankheit sondern eine Variation ist?
Kernaussage
In den Dokumenten werden mehrere sich ergänzende Argumentationslinien verwendet, um Autismus als neurologische Variation statt als Krankheit zu begründen.
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Wichtigste Argumente
1. Der Störungsbegriff ist ein Werturteil, kein wissenschaftlicher Fakt
„Autismus als eine Störung zu beschreiben, ist ein Werturteil und nicht etwa ein wissenschaftlicher Fakt" (Walker 2014a, 3, zitiert nach Theunissen, S. 25).
2. Anders strukturierte Gehirnnetzwerke statt Defekte
Es handele sich nicht um „neurologische Defekte, Defizite oder Fehlschaltungen", sondern um „von Natur aus anders strukturierte Netzwerke im Gehirn, die als Ausdruck einer neurologischen Variation und Neurodiversität betrachtet werden" (Theunissen, S. 25).
3. Neurodiversität als normale menschliche Variation
„Neurodiversität ist die natürlich entstandene Form der Mannigfaltigkeit von menschlichen Gehirnen und menschlicher Denkweisen" (Walker 2014b, zitiert nach Theunissen, S. 55). Diese Variation sei vergleichbar mit Homosexualität oder Linkshändigkeit (Theunissen, S. 55).
4. Kein Hinweis auf medikamentöse Heilbarkeit
U. Frith stellt fest, es gebe „keinen Hinweis, dass es sich beim Autismus um eine Krankheit handelt, die sich mit modernen Medikamenten heilen ließe" (Frith 2013, 188, zitiert nach Theunissen, S. 25–26).
5. Genetische Bedingtheit rechtfertigt keinen Krankheitsbegriff
Tebartz van Elst argumentiert, dass bei primären autistischen Varianten viele Gene mit jeweils kleinen Effektstärken zusammenwirken. Daraus das Konzept einer Erbkrankheit abzuleiten, sei „unangemessen" — denn sonst müsste auch überdurchschnittliche Körpergröße als Krankheit gelten (Tebartz van Elst, S. 115).
6. Autismus als Form menschlichen Seins
Folgerichtig gelte Autismus „nicht als eine zu heilende oder zu eliminierende Krankheit, sondern als eine Form eines menschlichen So-Seins" (Theunissen, S. 55). Diese Erkenntnis wirke identitätsstiftend und gesundheitsfördernd: „Die Erkenntnis, dass ich anders – nicht geschädigt – bin, ist in starkem Maße gesundheitsfördernd" (Robison 2013, zitiert nach Theunissen, S. 55).
7. Neurodiversität als gesellschaftlicher Gewinn
G. Vero formuliert, neuronale Vielfalt sei „als Chance zu begreifen, uns selber und andere Menschen besser zu verstehen" (Vero 2014, 143, zitiert nach Theunissen, S. 54).
8. Innenperspektive als Korrektiv zur Pathologisierung
Autistische Personen als „Experten in eigener Sache" führen „gegenüber der bislang weit verbreiteten klinisch-pathologisierenden Sicht ein anderes Bild von Autismus vor Augen" (Theunissen, S. 25). „Was Autismus wirklich bedeutet, können autistische Personen am besten sagen" (Robison 2014, zitiert nach Theunissen, S. 25).
9. Neurodiversität als Bürgerrechtsperspektive
Die Neurodiversitätsbewegung, die auf die australische Autistin Judy Singer zurückgeht, wendet sich gegen „Pathologisierung, Diskriminierung, gesellschaftliche Stigmatisierung und Ausgrenzung" und betrachtet Autismus als „Form eines menschlichen So-Seins" (Theunissen, S. 54–55).
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Offene Fragen / Einschränkungen
Die Dokumente betonen ausdrücklich, dass diese Position nicht bedeutet, schwere Beeinträchtigungen zu leugnen. Schwere Beeinträchtigungen oder Störungen, unter denen eine betroffene Person leidet, werden nicht ausgeschlossen (Theunissen, S. 26). Die Variation und das Leiden schließen sich demnach nicht gegenseitig aus.
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Literaturverzeichnis
Tebartz van Elst, Ludger: Autismus und ADHS. S. 115.
Theunissen, Georg: Autismus verstehen. S. 25–26, 54–55.